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Toleranzkurven

Temperaturtoleranz

von Ulrich Helmich (www.u-helmich.de)

Betrachten wir noch einmal die letzte Graphik der ersten Seite (Mehlwürmer in der Temperaturorgel):

Wir erkennen, dass die meisten Tiere mittlere Temperaturen bevorzugen, während nur wenige Tiere extrem kalte oder extrem heiße Temperaturen aufsuchen. Eine solche Kurve wird auch als Glockenkurve oder Normalverteilung bezeichnet. Ich bevorzuge hier aber den Begriff Toleranzkurve; diesen Begriff findet man auch in den meisten Schulbüchern wieder.

Toleranzkurve

Graphische Darstellung der Toleranz einer Population bezüglich eines Umweltfaktors bzw. bezüglich mehrerer Umweltfaktoren.

Da haben wir schon einmal eine allgemeine Definition des Begriffs Toleranzkurve.

Der Begriff "Toleranzkurve" ist in der Fachliteratur nicht ganz eindeutig definiert. Ich gebrauche in meinem Unterricht den Begriff wie folgt: Toleranzkurve = graphische Darstellung der Anzahl von Individuen (N) gegen die Intensität eines Umweltfaktors, beispielsweise Temperatur. Häufig werden aber auch Kurven, die beispielsweise den Herzschlagfrequenz eines Tieres in Abhängigkeit von der Temperatur darstellen, als Toleranzkurve bezeichnet.

Dass ich den Begriff Toleranzkurve hier so häufig gebrauche, liegt nicht daran, dass ich Sie nicht für aufnahmefähig halte, sondern Suchmaschinen bewerten Seiten häufig danach, wie oft bestimmte Fachbegriffe wie beispielsweise Toleranzkurve auf einer Seite vorkommen. Natürlich würde es nichts bringen, jetzt 100 mal das Wort Toleranzkurve hintereinander zu schreiben, vielleicht sogar noch in Schwarz auf Schwarz, damit man es nicht sieht. Solche Tricks sind den Suchmaschinen bekannt, und Seiten, die sich solcher Tricks bedienen, werden dann oft gar nicht mehr bei der Suche berücksichtigt. Aber ich bin ja man gespannt, ob man bei einer Suche nach dem Begriff Toleranzkurve bald diese meine Seite ganz oben in der Trefferliste finden wird.

Stand am 24.01.2010:
Leider taucht diese Seite noch nicht bei Google auf, wenn man das Stichwort Toleranzkurve sucht. Meine Genetik-Seiten (Reaktionsnorm und so) werden jedoch aufgeführt.

Stand am 11.02.2010
Wenn man jetzt das Wort Toleranzkurve bei Google eintippt, landet diese Seite schon auf Platz 11; das ist doch schon mal etwas, nicht wahr?

Toleranzkurven

Schauen wir typische Toleranzkurven an, die man so in Schulbüchern oder im Internet findet.

Hier hat man die Temperaturtolaranz einer Käferart untersucht, und zwar getrennt nach Geschlechtern. Die Weibchen (linke Kurve, violett) bevorzugen eine Temperatur zwischen 41 und 42°C (was für Insekten schon sehr warm ist), und die Männchen haben eine Temperaturpräferenz von 43 bis 44°C, lieben es also noch wärmer.

Konzentrieren wir uns nun auf die Temperaturtoleranz der Weibchen dieser Käferart, die übrigens unter der Rinde bestimmter Bäume lebt, wo es wegen der Gärungsprozesse recht warm wird. Wir wollen nun ein paar wichtige Fachbegriffe erarbeiten, die wir immer wieder benötigen.

Eine Toleranzkurve lässt sich in der Regel durch vier Parameter mehr oder weniger eindeutig beschreiben.

Das Minimum ist diejenige Intensität des Umweltfaktors, die auf jeden Fall erreicht sein muss, damit zumindest einige Individuen der Population überleben können. Hier bei den Käfern wäre das also die Mindesttemperatur, die sie zum Überleben brauchen. Das Temperaturminimum der weiblichen Käfer, der Käferinnen also (wir wollen ja politisch korrekt sein), liegt bei 38°C.

Ein aufmerksamer Betrachter könnte an dieser Stelle die Frage stellen, wieso ich den Pfeil, der auf das Minimum zeigt, nicht auf den Messpunkt ganz links gerichtet habe. Die Antwort ist ganz einfach: In der ganz linken Temperaturzone (37-38 ºC) befindet sich kein Käfer. Die erste Zone, in der man wenige Käfer antrifft, ist die zweite Temperaturzone (38-39 ºC), also ist dies die minimale Temperatur, unter der Käfer lebensfähig sind. Entsprechendes gilt für das Maximum.

Das Maximum ist Höchstintensität des Umweltfaktors, den die Individuen der Population vertragen können; hier also eine Temperatur von 45°C.

Schaut man sich die tatsächliche Verteilung der Käfer an, so stellt man fest, das sich nur ganz wenige Tiere bei diesen minimalen bzw. maximalen Temperaturen aufhalten. Die meisten weiblichen Käfer bevorzugen "mittlere" Temperaturen zwischen 40 und 43°C. Diesen Bereich bezeichnet man dann als Vorzugsbereich oder Präferendum. Das Optimum schließlich ist der optimale Wert; die Temperatur, die ein weiblicher Durchschnittskäfer freiwillig aufsuchen würde, wenn man ihn ließe. In unserem Beispiel liegt das Optimum zwischen 41 und 42°C, innerhalb des Präferendums, was ja auch logisch ist.

In diesem Abschnitt geht es in erster Linie um die wichtigen Fachbegriffe Minimum, Maximum, Präferendum und Optimum, die zur Charakterisierung von Toleranzkurven wichtig sind.

Toleranzkurven im Vergleich

Betrachten wir die Salztoleranz verschiedener Wassertiere wie Kabeljau, Strandkrabbe, Auster, Flussperlmuschel und Hecht (Daten aus: vita nova, Biologie S. II):

Hier sehen wir gleich fünf "Toleranzkurven" auf einmal, allerdings sehen wir nicht die ganzen Kurven, sondern wir schauen quasi von oben auf die fünf Kurven. Dabei kann man nur die Grenzen des gesamten Toleranzbereiches erkennen, also die Lage des Minimums und des Maximums. Wo das Präferendum mit dem Optimum liegt, kann man nur erraten. Beim Kabeljau wird das Optimum wohl bei einem Salzgehalt von 40 Promille liegen, bei der Strandkrabbe dagegen vermutlich zwischen 15 und 25 Promille. Theoretisch könnte das Optimum der Strandkrabbe aber auch bei 7 Promille liegen. Genaueres kann man bei dieser Art der graphischen Darstellung nicht sagen, dazu müsste man die Toleranzkurven von der Seite sehen, als richtige Kurven also.

Vergleichen wir einmal die Toleranzbereiche von Kabeljau und Strandkrabbe. Zwei Unterschiede sollten hier spontan auffallen. Zunächst einmal hat die Strandkrabbe einen sehr viel größeren, breiteren Toleranzbereich als der Kabeljau. Die Strandkrabbe wird daher als euryhalin bezeichnet, der Kabeljau dagegen als stenohalin. Die Silben "eury" und "steno" kommen aus dem Griechischen (eurus / stenos) und bedeuten so viel wie "breit" und "eng". Die Silbe "halin" steht für den Umweltfaktor Salz; aus der Chemie kennen Sie sicherlich die Halogene, die "Salz-Bildner".

Organismen, die einen breiten Temperaturbereich tolerieren, bezeichnet man entsprechend als eurytherm, während Tiere oder Pflanzen, deren Temperaturtoleranz recht eng ist, als stenotherm bezeichnet werden.

Fällt einem nicht die richtige Silbe zu dem jeweiligen Umweltfaktor ein, so kann man auch ganz allgemein "potent" verwenden und hängt dann ein "in Bezug auf" an. Man kann also sagen, dass die Strandkrabbe eurypotent in Bezug auf den Salzgehalt ist.

Steno-/eurypotent

Stenopotente Organismen haben einen engen Toleranzbereich in Bezug auf einen bestimmten Umweltfaktor, eurypotente Organismen dagegen einen breiten Toleranzbereich.

Ein stenothermer Organismus kann sein Temperaturoptimum eher in kühlen Bereichen, in mittleren Bereichen oder in warmen Bereichen haben. Gleiches gilt für den Salzgehalt des Wassers, in dem ein Tier lebt, es kann oligohalin, mesohalin oder polyhalin sein. Der Kabeljau ist eindeutig polyhalin, liebt also einen hohen (poly = viel) Salzgehalt. Der Hecht dagegen ist oligohalin, bevorzugt also einen niedrigen Salzgehalt (oligo = wenig).

Stenopotente Organismen werden häufig auch als Spezialisten bezeichnet. So hat sich der Koalabär in Bezug auf die Nahrung ausschließlich auf Blätter und Rinde vom Eukalyptus spezialisiert. Eurypotente Lebewesen werden dagegen oft als Generalisten bezeichnet. Ein Beispiel ist das Schwein, das fast alles frisst.

Oligo-/meso-/polypotent

Oligopotente Organismen bevorzugen geringe Intensitäten des Umweltfaktor, mesopotente Organismen mittlere und polypotente Organismen hohe Intensitäten.

Die Strandkrabbe und die Auster sind vermutlich mesohalin, und da beide Tierarten einen breiten Toleranzbereich in Bezug auf den Salzgehalt haben, könnte man sie als eurymesohalin bezeichnen. Ein stenomesohalines Tier haben die Graphiker des Schulbuchverlags, aus dem das Beispiel stammt, nicht eingezeichnet.

Hier lernen Sie weitere Fachbegriffe kennen:

stenopotent vs. eurypotent

sowie

oligo-, meso- und polypotent.

Ein stenomesohalines Tier haben die Graphiker des Schulbuchverlags, aus dem das Beispiel stammt, nicht eingezeichnet. Aber Moment mal, wozu gibt es denn Suchmaschinen. Geben wir das Wort "stenomesohalin" doch einfach mal ein. Äh..., nur zwei Fundstellen und eine Anzeige für einen "Fernkurs Stenographie", das ist aber nicht sehr viel.

Zusammenfassung:

Mit Hilfe von Toleranzkurven kann man die Toleranz einer Population in Bezug auf bestimmte abiotische Umweltfaktoren graphisch darstellen. Die sogenannten Kardinalpunkte einer Toleranzkurve sind das Minimum, das Maximum und das Präferendum mit dem Optimum. Toleranzkurven können breit oder eng sein, man kennzeichnet die Toleranz dann mit den Silben "eury" bzw. "steno". Das Optimum kann weit links, eher in der Mitte oder ganz rechts liegen. Die Lage des Optimums wird dann mit den Silben "oligo", "meso" bzw. "poly" beschrieben.

Für biotische Umweltfaktoren kann man in der Regel keine Toleranzkurven erstellen, weil sich der Einfluss von Nahrung, Fressfeinden, Konkurrenten etc. meistens nur schlecht quantitativ erfassen lässt.

Wenn Sie in einer Klausur Toleranzkurven mit Worten beschreiben sollen, versuchen Sie nach Möglichkeit die Silben "steno" oder "eury" sowie "oligo", "meso" oder "poly" zu verwenden. Ideal wäre es, wenn Sie auch eine passende Silbe für den Umweltfaktor hätten, so dass Sie Wortungetüme wie "stenopolytherm" bilden können.

Hier die wichtigsten Silben für Umweltfaktoren: "therm" für Temperatur, "halin" für Salzgehalt, "acid" für Säuregehalt.

Wissen Sie keine Silbe für den Umweltfaktor, sagen Sie einfach, der Organismus ist stenopotent oder stenopolypotent in Bezug auf den Umweltfaktor...





(C) Ulrich Helmich, Februar 2012





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