Grundsätzlich kann eine Nucleophile Substitution nach dem SN1- oder nach dem SN2-Mechanismus ablaufen; beide Mechanismen sind möglich und kommen bei vielen Umsetzungen auch tatsächlich gleichzeitig vor. Man kann aber ein paar Regeln aufstellen, mit denen man vorhersagen kann, ob eher eine SN1- oder eher eine SN2-Reaktion stattfindet. Und man kann sogar die Anteile der konkurrierenden Produkte berechnen oder zumindest abschätzen.
Die wichtigsten Faktoren, die den Verlauf der Reaktion beeinflussen, sind:
Grundsätzlich läuft die Reaktion bei primären Halogenalkanen und Alkoholen fast immer nach dem SN2-Mechanismus ab, bei tertiären Halogenalkanen und Alkohlen dagegen nach dem SN1-Mechanismus. Grund hierfür ist die Stabilität des Carbenium-Ions, das beim SN1-Weg als Zwischenprodukt auftritt.
Bei sekundären Edukten kann man nicht ohne Weiteres vorhersagen, welcher Reaktionsweg eingeschritten wird. Einige andere Faktoren müssen berücksichtigt werden.
Polare Lösemittel wie Wasser, Ethanol, Ammoniak etc. stabilisieren Carbeniumionen durch Solvatation (Wasser bildet z.B. Hydrathüllen), daher wird durch polare Lösemittel der SN1-Mechanismus begünstigt; durch unpolare wie Alkane, Tetrachlorkohlenstoff etc. eher der SN2-Mechanismus.
Bei niedriger Nucleophilkonzentration kann SN2 nicht stattfinden, SN1 wird daher begünstigt. Allerdings ist die Ausbeute an Reaktionsprodukten nicht allzuhoch, denn da wo nichts ist, kann bekanntlich auch nichts kommen. Wenig Nucleophil, wenig Produkt.
Je reaktiver das Nucleophil, desto eher findet die SN2 statt. Ein starkes Nucleophil lagert sich leichter an das nur leicht positive C-Atom des organischen Edukts an. Ein schwaches Nucleophil dagegen "muss warten", bis sich das organische Edukt von selbst in ein Carbenium-Ion umgewandelt hat. Daher begünstigen schwache Nucleophile die SN1-Reaktion.
Die Nucleophilie eines Ions, Atoms oder Moleküls hängt übrigens von zwei Faktoren ab: Der Basizität und der "Weichheit" der Elektronenwolke. Das eine starke Base prinzipiell ein starkes Nucleophil ist, sollte klar sein. Eine Base hat stets ein freies Elektronenpaar und ist somit ständig auf der Suche nach Atomen oder Ionen mit leeren Kugelwolken. Im Idealfall vereinigt sich eine Base mit einem Proton zur konjugierten Säure. "Zur Not" kann sich eine Base aber auch mit einem Carbenium-Ion oder anderen Kationen vereinigen. Eine OH--Gruppe kann sich zum Beispiel leicht an ein Ethyl-Kation anlagern.
Der zweite Faktor, der die Nucleophilie eines Teilchens beeinflusst, ist die "Weichheit" der Elektronenwolke. Darunter versteht man das Ausmaß, mit dem sich die Elektronen der Elektronenhülle verschieben bzw. beeinflussen lassen. Ein Beispiel soll das hier Gesagte verdeutlichen.
Betrachten wir einmal ein OH--Ion, bekanntlich eine recht starke Base. Ersetzen wir das O-Atom durch das in der gleichen Gruppe stehende S-Atom, erhalten wir das SH--Ion. Dieses Ion ist die konjugierte Base des Schwefelwasserstoffs H2S. Bekanntlich ist Schwefelwasserstoff eine stärkere Säure als Wasser (wozu ja auch nicht viel gehört), folglich ist die konjugierte Base eine schwächere Base als die konjugierte Base des Wassers, nämlich das OH--Ion. Andererseits ist das SH--Ion ein stärkeres Nucleophil als das OH--Ion. Ursache hierfür ist die größere Elektronenhülle des Schwefel-Atoms. Die Elektronen des Schwefels befinden sich in einer größeren Elektronenwolke, die sich leichter polarisieren lässt als die kleine Elektronenwolke des O-Atoms. Daher kann das SH--Ion auch leichter von einem polarisierten C-Atom angezogen werden.
Ich persönlich kann mir vorstellen, dass die Konkurrenz zwischen den beiden Reaktionstypen Gegenstand einer Abituraufgabe sein kann. Wie eine solche Aufgabe aussehen könnte, kann ich mir im Augenblick selbst nicht vorstellen. Auf jeden Fall ist es aber gut, wenn man beide Mechanismen kennt, wenn man weiß, wie man anhand reaktionskinetischer Daten bestimmen kann, ob eine SN1- oder eine SN2-Reaktion vorliegt, und wie man bestimmte vorgegebene Versuchsbedingungen daraufhin analysieren kann, ob eher eine SN1- oder eine SN2-Reaktion begünstigt wird.
(C) Ulrich Helmich, Februar 2009